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Kinderhaus und staatlich anerkannte Grundschule
in freier Trägerschaft

Lesen und Demokratie

Warum Schule gar nicht neutral sein kann

In der ersten Septemberwoche kamen zwei Nachrichten zusammen. Am 6. September hat Sachsen-Anhalt gewählt. Die AfD kam auf 43,8 Prozent, die Wahlbeteiligung lag bei fast 78 Prozent.¹ Zwei Tage später hat die OECD die PISA-Ergebnisse 2025 veröffentlicht. Deutschland erreicht im Lesen 465 Punkte, 15 weniger als 2022. 32 Prozent der Fünfzehnjährigen können einen Text nicht sicher verstehen. In Mathematik verfehlen 34 Prozent das Mindestniveau.² Das ist jeweils ungefähr ein Drittel eines Jahrgangs. Wer einen Text nicht sicher versteht, kann auch nicht gut prüfen, was ihm abends auf dem Handy als Nachricht angeboten wird.

Wahlen sind ein guter Anlass, sich das eigene Bildungsangebot einmal genauer anzuschauen. Wahlergebnisse sagen natürlich nicht alles über eine Gesellschaft aus, aber sie können Hinweise geben. Für andere Schulen können wir nicht sprechen. Deshalb schauen wir auf das, was sich bei uns in den vergangenen Jahren verändert hat. Man könnte im Rückblick zunächst ja annehmen, ähnliches Konzept, ähnlicher Sozialraum, also wahrscheinlich auch ähnliche Entwicklungen. Aber so einfach ist es nicht. Auch unsere Kinder scheuen inzwischen häufiger die Anstrengung. Wir erleben, dass es auch bei unserer Schülerschaft länger dauert, bis Basiskompetenzen wirklich sicher sitzen. Die aktuelle Auswertung von ILeA plus haben wir uns genau angesehen.³ Zunächst die gute Nachricht, unsere Kinder lesen flüssig. In Klasse 6 liegt beim Tempo kein einziges Kind unter dem erwarteten Niveau, viele liegen sogar deutlich darüber. Das spricht für Haushalte, in denen gelesen und gesprochen wird. Schwieriger wird es beim Verstehen. Ein Teil der Kinder liest schnell über einen Text hinweg, ohne ihn wirklich zu durchdringen. Dasselbe Bild zeigt sich, wenn die Kinder in einem Text Fehler finden und berichtigen sollen. Das Schreiben selbst gelingt, zwar ganz grundsätzlich, der prüfende zweite Blick fällt vielen schwer. Genau dieser zweite Blick ist die Fähigkeit, die man später braucht, um eine Nachricht auf dem Handy einzuordnen. Deutlich wurde ebenso, dass die Kinder sowohl in den Grundrechenarten als auch in der Rechtschreibung mehr Automatisierung brauchen und Strategien, die fest verankert sind. Sicherheit entsteht durch Wiederholung und durch Zeit, in der sich Gelerntes setzt. Daran arbeiten wir in allen Gruppen und dabei können wir eure Unterstützung gut gebrauchen. Ob das damit zusammenhängt, wie viel Zeit Kinder heute an Bildschirmen verbringen, können wir aus unseren Zahlen nicht ablesen. Die Frage stellen wir uns trotzdem.

Eine verbreitete Antwort auf diese Frage war Anfang September auf einer Netzwerktagung der Schulleitungen im Norden Brandenburgs zu hören. Eine Schulleiterin sagte ziemlich empört, es müsse endlich Schluss sein mit der Kuschelpädagogik, vor allem in den Kindergärten. Jeder mache, was er wolle, und genau deshalb könnten die Kinder heute nichts mehr. Im Raum gab es dafür viel Zustimmung, teilweise ziemlich aggressiv. Schon verständlich, was sie meint. Die Formulierung bringt uns trotzdem nicht weiter. Die Interessen der Kinder ernst zu nehmen und sie an Entscheidungen zu beteiligen, gilt auch in Brandenburg als gute Pädagogik. Gleichzeitig müssen Kinder sich darauf verlassen können, dass die Erwachsenen Verantwortung übernehmen. Sie brauchen Erwachsene, die Grenzen setzen, Entscheidungen treffen und für eine verlässliche Struktur sorgen. Eine Metaanalyse von Martin Pinquart über 308 Studien zeigt, dass Wärme, klare Verhaltensführung und die Unterstützung von Selbstständigkeit mit besseren Schulleistungen zusammenhängen. Harte Strafen, psychischer Druck und reine Nachgiebigkeit hängen dagegen mit schlechteren Leistungen zusammen.⁴ Die Effekte sind statistisch nicht stark, die Richtung ist trotzdem eindeutig, Kinder brauchen Zuwendung und Struktur.

Wenn also die Haltung in der Schule und die Haltung zu Hause die Ergebnisse allein nicht erklären, lohnt sich der Blick auf die Umstände, unter denen Kinder heute aufwachsen. Fragen wir einmal, was sich in den vergangenen Jahren verändert hat. Man kann dafür einfach mal Kinderbücher anschauen, nicht die Klassiker, sondern Bücher aus den Jahren um 2000. Kinderbücher sind ein brauchbares Zeitzeugnis, sie zeigen ziemlich zuverlässig, was eine Gesellschaft gerade für normal hält. Modern geht es darin schon zu. Rollenklischees sind weitgehend verschwunden, Väter kochen, Mütter reparieren das Fahrrad und Kinder sind selbstständig unterwegs. Beim Lesen fällt trotzdem sofort auf, dass diese Bücher wie aus einem anderen Jahrhundert wirken. Die Kinder ziehen morgens los und kommen zum Essen wieder. Die Nachmittage sind lang. Es wird Unsinn getrieben, es wird sich gelangweilt und die Erwachsenen sind ansprechbar, wenn etwas passiert ist. Digitale Geräte kommen dort gar nicht vor, sie sind noch nicht einmal ein Thema, über das man streiten könnte.

Wie haben wir die Nachmittage und Urlaube verbracht? Als wir 2001 im Landweg angefangen haben, schlossen wir das Haus um 14 Uhr, damit die Kinder Zeit mit ihren Eltern verbringen konnten. Wenn wir ehrlich sind, war das schon damals ziemlich unrealistisch. In Zeiten von Homeoffice und Social Media ist es das noch viel mehr. Wir können mit den Kindern zu Hause sein und trotzdem mit den Gedanken ganz woanders. Und dennoch reden wir über die Digitalisierung der Gesellschaft, als ginge es vor allem um das Handy in der Hand des Kindes.Im frühkindlichen Bereich und in der Grundschule geht es aber mindestens genauso um das Handy in unserer eigenen Hand. Wir schreiben das als Pädagog:innen und als Eltern. Auch wir haben Kinder, Ladekabel neben dem Küchentisch und antworten „nur mal schnell noch“. Diese Art zu leben ist noch ziemlich jung. Was sie mit dem Aufwachsen von Kindern macht, ist uns wahrscheinlich noch gar nicht in vollem Umfang bewusst. In der Schule und im Kinderhaus merken wir die Folgen aber bereits.

Eine australische Studie hat 220 Familien zweieinhalb Jahre lang begleitet. Die Kinder trugen dabei Aufnahmegeräte. Mit drei Jahren hörte ein Kind pro Minute Bildschirmzeit etwa sieben Wörter weniger von Erwachsenen, äußerte selbst fünf Laute weniger und erlebte einen Gesprächswechsel weniger. Bei knapp drei Stunden Bildschirmzeit am Tag fehlten dadurch täglich rund 1.100 Wörter und 194 kleine Gespräche.⁵ Wenn die Aufmerksamkeit der Erwachsenen knapper wird, wird das, was Kinder außerhalb der Familie erleben, umso wichtiger. Kinder brauchen Zeit und Raum, um Dinge auszuprobieren, an Projekten dranzubleiben, sich Wörter zu erschließen und Hütten zu bauen. Genau dabei üben sie, etwas auszuhalten und nicht sofort aufzugeben.

Und damit sind wir zurück beim Lesen. Wer einen Text wirklich verstehen will, bleibt an ihm dran und fängt notfalls noch einmal von vorn an. Auch verstehendes Lesen lernt man nicht nebenbei. Es ist ein langer Prozess. Wie viel davon später mit der Fähigkeit zusammenhängt, dranzubleiben und Impulse zu steuern, zeigt eine neuseeländische Langzeitstudie mit rund 1.000 Kindern. Kinder, die besser warten, dranbleiben und ihre Impulse steuern konnten, waren mit 32 Jahren gesünder, finanziell stabiler und seltener straffällig, unabhängig von Intelligenz und Herkunft.⁶ Ursache und Wirkung lassen sich daraus nicht ablesen, und der berühmtere Verwandte dieser Forschung, der Marshmallow-Test, hat einer Überprüfung mit mehr Kindern kaum standgehalten. Die Richtung bleibt trotzdem plausibel. Wer aushalten kann, dass eine Aufgabe schwierig ist, kann später vielleicht auch aushalten, dass eine Debatte schwierig ist und dass die eigene Position sich nicht sofort durchsetzt.

Was wir uns zu Hause vornehmen könnten:

Eure Küche und eure Werkstatt sind gute Orte zum Ausprobieren. Lasst eure Kinder machen, auch wenn es Zeit kostet und eure ohnehin knappe Freizeit noch etwas knapper wird. Kinder sollen im Haushalt helfen dürfen, auch wenn dabei einmal eine Tasse zu Bruch geht. Uns geht es hier genauso. Es dauert immer länger, wenn Kinder mitmachen.

Es lohnt sich, bewusst zu entscheiden, zu welcher Zeit des Tages ein Kind unsere volle Aufmerksamkeit bekommt. Diese Zeit ist handyfrei und verlässlich. Eine halbe Stunde, die wirklich stattfindet, ist mehr wert als ein ganzer Nachmittag, in dem wir zwar anwesend, aber digital abgetaucht sind.

Bleibt in der Verantwortung, wenn euer Kind etwas zu Ende bringen oder üben muss und deshalb mit euch streitet. Wir kennen die Versuchung, an dieser Stelle nachzugeben. Ein Gegenüber, das die Gefühle des Kindes ernst nimmt und trotzdem darauf besteht, dass das Nötige erledigt wird, ist verlässlich. Genau darum geht es bei dem, was die ILeA-Auswertung zeigt. Zehn Minuten Üben an fünf Tagen bringen mehr als eine Stunde am Sonntag.

Lest weiter vor, schreibt Einkaufszettel, damit Lesen und Schreiben im Alltag präsent bleiben. Wenn eure Kinder Schulkinder sind, lasst sie euch vorlesen und sprecht mit ihnen über das Gelesene. Dabei merkt ihr auch, ob sie verstanden haben, was sie gelesen haben. Laut Vorlesemonitor 2024 wird fast einem Drittel der Kinder zwischen einem und acht Jahren selten oder nie vorgelesen.⁷

Überlegt vor der Einschulung, welchen Platz Handys und Computerspiele bei euch zu Hause haben sollen. Unser Konzept setzt auf Selbsttätigkeit. Materialarbeit dauert lange. Das gute Gefühl kommt oft erst, wenn die Arbeit getan ist. Sternchen oder Coins haben wir leider nicht im Angebot. Prüft in Ruhe, ob ihr uns vertrauen könnt. Ohne eine gute Gesprächsebene zwischen Schule und Eltern wird es für euer Kind bei uns schwer. Kinder übernehmen die Haltung ihrer Eltern zur Schule, im Guten wie im Zweifel. Deshalb reden wir lieber einmal zu oft mit euch.

Was wir uns als Schule vornehmen:

Bildung für nachhaltige Entwicklung ist seit unserer Gründung der Rahmen unserer Arbeit. Gemeinsam mit den Kindern entwickeln wir kurzfristige und langfristige Vorhaben und Projekte. Ein wichtiges Format dafür ist die Kinderversammlung. Wir sprechen mit euren Kindern über Zukunftsvisionen, weil wir davon ausgehen, dass Zukunft gestaltet werden kann.

Schule kann dabei nie neutral sein. Schon die Entscheidung, was wir lernen, wie wir miteinander umgehen und welche Verantwortung wir füreinander übernehmen, enthält Vorstellungen davon, was uns wichtig ist. Wir wollen, dass Kinder solche Entscheidungen wahrnehmen, hinterfragen und zunehmend selbst beurteilen können.

Deshalb sind bei uns nicht nur die PISA-Fächer Teil des Lernens. Auch der Alltag ist ein Lernort. Am Essen lernen Kinder etwas über Ernährung, am Gelände lernen sie, wie man einen Ort pflegt, am Material lernen sie, sorgfältig zu arbeiten. Diese Dinge betreffen jedes Kind hier, deshalb entscheiden wir darüber gemeinsam.

Wir wollen in kleinen Gruppen so genau hinsehen, dass wir merken, welches Kind gerade besondere Unterstützung braucht. An guten Tagen gelingt das. An anderen Tagen ist eine Gruppe unruhig, ein Kind geht unter und wir merken es erst am Nachmittag. Dann sprechen wir mit euch darüber und schärfen unsere Aufmerksamkeit.

Wir entwickeln mit jedem Kind individuelle Lernziele und sorgen mit klaren Zielstellungen dafür, dass diese Ziele erreichbar bleiben. Dabei helfen uns unter anderem mit den Kindern ausgewertete Zwischentests, Reflexionsgespräche am Ende der Woche, das Studienbuch, in dem Lernstand und Ziele sichtbar werden. 

Wir wollen eine Fehlerkultur vorleben, die auch für unsere eigenen Fehler gilt. Wir nehmen uns vor, Konflikte auszuhalten und sie gemeinsam mit euch zu lösen, bevor wir die Gesellschaft zum Schuldigen erklären.

Demokratie im Kleinen beginnt bei uns im Team. Auch bei uns gibt es Probleme. Wir sind unterschiedlich sozialisiert, unterschiedlich schnell und manchmal auch unterschiedlich überzeugt. Es ist spannend zu beobachten, welche Strategien die Kolleginnen haben, um damit umzugehen. Eine sucht das Gespräch noch am selben Tag. Eine andere schläft erst eine Nacht darüber. Eine dritte schweigt. Die Kinder bekommen davon mehr mit, als wir manchmal denken. Im besten Fall erleben sie Erwachsene, die sich auseinandersetzen und Einigungen entwickeln, die dem Interesse aller dienen. Auch das ist Lernen.

Ob unser Angebot hier wirklich gelingt, zeigt sich erst viel später. Eine weitere Zahl aus PISA 2025 sagt etwas darüber, wie schwer das ist. 33 Prozent der Jugendlichen in Deutschland halten Schule für Zeitverschwendung. Im OECD-Schnitt sind es 24 Prozent. Wir arbeiten daran, dass eure Kinder ihre Schulzeit später anders in Erinnerung haben.

Rassistisches und antidemokratisches Verhalten lehnen wir grundsätzlich ab. Darüber gibt es für uns nichts abzuwägen. 

Gleichzeitig wissen wir, dass Demokratie Kompromisse braucht, auch im Kleinen. Wir halten Bildung für eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sie funktioniert und erhalten bleibt. An dieser Stelle wiederholen wir uns vielleicht. Aber gerade in Zeiten hybrider Kriegsführung wird es wichtig, echte Nachrichten von falschen unterscheiden zu können. Es geht darum, sich eine eigene Meinung zu bilden und sie vertreten zu können. Und es geht auch darum, persönliche Einschränkungen auszuhalten, wenn sie dem Gemeinwohl dienen.

Wie groß diese Aufgabe ist, zeigt eine PISA-Sonderauswertung zum Lesen im digitalen Zeitalter aus dem Jahr 2021. Weniger als die Hälfte der 15-Jährigen in Deutschland konnte in Texten Fakten von Meinungen unterscheiden. Nur 49 Prozent gaben an, in der Schule gelernt zu haben, wie man einseitige Informationen erkennt. In den USA, Kanada oder Australien waren es über 70 Prozent.⁸ Gleichzeitig halten 81 Prozent der Deutschen Desinformation im Internet für eine Gefahr für die Demokratie. Persönlich gefährdet sehen sich aber nur 16 Prozent.⁹

Und noch etwas. Wir sind überzeugt, dass Kinder Vorbilder brauchen, die ihnen etwas zutrauen. Vorbild sein heißt ja nicht einfach, alles richtig zu machen. Es heißt auch, sichtbar zu üben.

Quellen

1. bhttps://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/581006/landtagswahl-in-sachsen-anhalt-2026/

2. https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/die-zehn-wichtigsten-ergebnisse-der-pisa-studie-2025/ und OECD, PISA 2025 Results Volume I. https://www.oecd.org/en/publications/2026/09/pisa-2025-results-volume-i_5265bfb1.html


3. https://libra.brandenburg.de/lernstandserhebung/


4. https://link.springer.com/article/10.1007/s10648-015-9338-y


5. https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2815514


6. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1010076108


7. https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0956797618761661

8. https://www.vodafone-stiftung.de/pisa-report-lesen-im-21-jahrhundert/

9. https://www.sonntagsblatt.de/artikel/gesellschaft/verunsicherte-oeffentlichkeit-mehrheit-der-deutschen-sieht-desinformation-als

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